Schmetterlinge auf europäischen Wiesen sind in dreißig Jahren um die Hälfte zurückgegangen. Und seit diesem Jahr ist es ein rechtlich verbindlicher Indikator.
Die Europäische Umweltagentur hat den Index der Wiesen‑Schmetterlinge aktualisiert. Zwischen 1991 und 2023 sank die Anzahl von 17 typischen Arten in der EU um 50 %. Keine der siebzehn Arten ist signifikant gewachsen. Sieben nehmen deutlich ab, sechs sind stabil, bei vier lässt sich der Trend nicht zuverlässig bestimmen.
Der Rückgang wird vor allem von Spezialisten getragen – Arten, die an einen konkreten Habitattyp gebunden sind und seit 2003 kontinuierlich abnehmen. Das ist das klassische Muster der Artenverarmung eines Ökosystems: robuste, universelle Arten bleiben, spezialisierte verschwinden.
Warum das nicht nur eine Meldung für Entomologen ist:
1. Schmetterlinge sind ein Indikator, keine Kuriosität. Sie reagieren schnell auf Habitatveränderungen, sind Bestäuber und bilden die Nahrungsgrundlage. Ihr Rückgang ist Teil eines breiteren Insektenrückgangs.
2. Ursache ist die Landwirtschaft und die Flächennutzung – Intensivierung, Verlust und Fragmentierung von Lebensräumen, Chemisierung einschließlich Pestiziden, aber auch das Verlassen von Wiesen. Artenreiche halbnatürliche Wiesen verschwinden von beiden Seiten: Sie werden umgepflügt oder wachsen nach, weil niemand sie mäht oder beweidet.
3. Und jetzt das Wesentliche: Der Wiesen‑Schmetterlingsindex ist einer von drei Indikatoren für landwirtschaftliche Ökosysteme gemäß der Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (NRR, 2024). Die Mitgliedstaaten müssen mindestens zwei von drei auswählen (neben den Schmetterlingen geht es um den Vorrat an organischem Kohlenstoff in Ackerböden und den Anteil landwirtschaftlicher Flächen mit Landschaftselementen hoher Diversität) und Maßnahmen einführen, die bis 2030 zu einem steigenden Trend führen. Die NRR verlangt zudem, den Rückgang der Bestäuber spätestens bis 2030 umzukehren.
Mit anderen Worten: Eine Metrik, die bisher ein wissenschaftlicher Indikator war, ist zum Gegenstand einer rechtlichen Verpflichtung der Mitgliedstaaten geworden – mit Auswirkungen auf die Gemeinsame Agrarpolitik und strategische Pläne.
Anmerkung am Rande – die Daten stammen aus Feldarbeiten von Tausenden geschulter Fachleute und Freiwilliger, die im Jahr 2023 fast 3 800 standardisierte Transekten in allen 27 Mitgliedstaaten durchlaufen haben. Einer der am besten dokumentierten Biodiversitätstrends in Europa beruht zu einem großen Teil auf Bürgerwissenschaft.
Und noch eine nüchterne Feststellung aus dem Indikator: Der Rückgang setzt sich sowohl innerhalb als auch außerhalb geschützter Gebiete fort. Die bloße Ausweisung des Gebiets reicht nicht aus — entscheidend ist die Bewirtschaftungsweise.
Quelle: European Environment Agency, Indikator Grassland Butterfly Index in Europe, publ. 22. 10. 2025 (Daten 1991–2023)
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